Allgemein, Aus aktuellem Anlass

Ist ein Krieg jemals berechtigt? Was muss man tun, um einen Diktator zu stoppen?

Das je ein Krieg mein Thema hier wäre, hätte ich niemals geglaubt. So wie die meisten Menschen meiner und späterer Generationen (in Europa), habe ich Frieden für selbstverständlich gehalten. Wenn überhaupt, hätte ich angenommen und habe auch behauptet, ein solcher würde ein Cyberkrieg sein. Das in Europa plötzlich wieder Mann gegen Mann kämpfen würden, Bomben bewusst auf Zivilisten gerichtet werden, Häuserkämpfe stattfinden, Krankenhäuser bombardiert werden, habe ich schlicht für unmöglich gehalten.

Ich habe mich leider furchtbar geirrt, denn genau das passiert gerade in der Ukraine. Hättest du mich gestern gefragt, hätte ich eindeutig gesagt, wir dürfen uns keineswegs militärisch einschalten. Dann ist mir heute Morgen etwas eigenartiges passiert. Ich habe einen Bericht gesehen, in dem es darum ging, dass man krebskranke Kinder nach Deutschland evakuiert habe. Plötzlich funktionierte meine Verdrängung nicht mehr und ich fing richtig an zu heulen, einfach so. Mir wurde bewusst ein paar hundert Euro zu spenden ist nicht genug.

Danach fing ich an, wie eine Weltmeisterin zu putzen, normal tue ich das nicht gerade mit Begeisterung, außer ich muss mich ablenken und/oder habe Angst.

Wirklich geholfen hat es (mir) nicht, denn ich konnte nichts gegen den Gedanken tun: Was wäre gewesen, wenn man vor gut 70 Jahren Hitler einfach hätte gewähren lassen, der ja erstmal auch ’nur‘ in Polen einmarschiert war? Mir wurde klar, dass ich als behindertes Kind vermutlich nie erwachsen geworden wäre. Meine Mutter, die aussieht wie das Bild einer sogenannten Arierin, wie meine ganze Familie mütterlicherseits, wäre wahrscheinlich in einem Heim des Lebensborn gelandet und hätte mit anderen lauter kleine Blonde und blauäugige Kinder zeugen müssen. Meinen schwarz lockigen Vater, der Sinti unter seinen Ahnen hatte, hätte sie vermutlich nie getroffen. Überhaupt hätte es einige meiner Freunde gar nicht gegeben und wir würden vielleicht immer noch in einem totalitären Staat leben und diesen beim Völkermord unterstützen. Was für ein entsetzlicher Gedanke! Diese Stimme in mir schreit, helft der Ukraine, schützt die Zivilbevölkerung. Bietet Putin die Stirn, macht ihn fertig. Greift mit allen Mitteln ein.

Eine zweite Stimme in mir will das ganz und gar nicht, wohl die des inneren Schweinehunds, die betet, den Frieden für uns zu bewahren. Die schreckliche Angst hat, vor dem, was meine Mutter bis heute vom Krieg erzählt, vor den Bildern aus der Ukraine, davor, dass meine Tochter als Ärztin in den Krieg müsste. Niemand zweifelt wohl daran, dass im Verteidigungsfall, das Grundgesetz sofort geändert würde und auch Frauen einberufen würden. Am liebsten würde ich meinen Kopf in den Sand stecken und ja, ich gebe es zu, ich habe schon überlegt, wohin wir gehen könnten um in Sicherheit zu sein.

Die Tage habe ich gelesen, was passieren würden, wen eine Atombombe niedergehen würde. Da ich in Berlin-Mitte lebe, hätte ich vermutlich das ‚Glück‘ im Zentrum des Aufschlags zu sein und innerhalb von Sekunden wäre nicht nur ich ausgelöscht, sondern alles was mich je ausgemacht hat, denn es bliebe nichts, kein Leichnam, keine Wohnung, einfach mal nichts. Es wäre so, als hätte es die 5-6 Millionen Menschen, die hier leben, niemals gegeben.

Ich weiß einfach nicht, welche Stimme in mir stärker ist und ich bin gerade sehr dankbar, diese Entscheidung nicht treffen zu müssen, auch wenn mir klar ist, die Welt, unsere Welt wird nie wieder, die sein, die sie noch 2019 war, also vor Corona. Wir haben unsere Naivität verloren, leider!

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