Allgemein, Aus aktuellem Anlass

Schwein gehabt – Die Gnade des ‚richtigen‘ Jahrgangs

Trotz gegensätzlicher Vorsätze haben mich auch heute wieder die schrecklichen Bilder des Krieges in der Ukraine eingeholt. Als ich die weinenden Kinder, Mütter, Väter und die alten Menschen sah, ging mir auf, welches Glück ich doch habe. Ich habe noch nicht einen einzigen Tag Angst vor Bomben oder Schüssen haben müssen, habe noch nie Krieg am eigenen Leib erfahren müssen.

Na gut, in den 80igern bin ich mal in der Wüste Tunesiens in den Brotkrieg geraten und schon das war eine kurze, aufregende, aber gewiss keine schöne Erfahrung. Wir sind mit unserem Reisebus durch brennende Straßenbarrieren gefahren, der Bus wurde mit Steinen beworfen und letztendlich saßen wir ein paar Stunden in einem Keller und hörten ziemlich in der Nähe Einschüsse. Schon das war ganz schön beängstigend. Aber schon am nächsten Morgen hatte uns das normale Programm ‚Sonnenaufgang‘ in der Wüste wieder.

Meine Generation sind die sogenannten Babyboomer, für die (relativer) Wohlstand, Frieden, Fürsorge, freie Meinungsäußerung, Bildungsmöglichkeiten, Auslandsreisen, Sattheit und … und … und, eine Selbstverständlichkeit sind. Ein wenig schäme ich mich, weil mir selbst all das nicht genug war und ich mir Mehr gewünscht habe, manchmal gejammert und rum gemeckert gemeckert habe.

Klar auch ich hatte meine Schlachten zu schlagen, als Kind und Jugendliche durch meine Skoliose, ein ganzes Jahr im Krankenhaus, ein weiteres mit Rumpfgips waren zweifellos hart. Auch die Zeit als Alleinerziehende war nicht immer leicht und dann hat mich zwischen 50 und 60 wieder mein Rücken gequält und ich musste eine 8 Stunden-OP überstehen.

Das alles ist mehr oder minder der normale Wahnsinn, der sich Leben nennt. All das oder änliches erleben auch die Menschen in Kriegsgebieten und oben drauf noch Bomben, Verluste und ggf. Flucht. Unvorstellbar!

Durch den Krieg in Syrien und mehr noch, jetzt durch den Krieg in der Ukraine wurde mir klar, wie privilegiert unser bisheriges Leben war und noch immer ist. Ganz egal, ob das Benzin noch teurer wird, wir vielleicht statt nach Mauritius, an die Ostsee fahren oder gar unsere freie Zeit in Balkonien verleben müssen, was haben wir (noch) für ein Glück, keine Bomben, es ist warm, jeden Tag kann man sich (zu) gut ernähren, man hat einen guten Job und kann mit wenigen Ausnahmen schreiben, was immer man mag. Die Menschen, die wir lieben sind in der Regel bei uns und leben in Sicherheit, soweit ein Leben sicher sein kann.

Meine Mutter ist fast 88 und hat als Kind erst die Flucht aus Ostpreußen und dann noch den Krieg in einer sehr schwer bombardierten Großstadt erlebt. Durch die Ukraine fallen ihr all die schrecklichen Erlebnisse aus dieser Zeit wieder ein. Sie ist traumatisiert und nun tauchen die verdrängten Bilder alle wieder auf, der Tieflieger, der sie als 8-jährige, regelrecht durch den Wald verfolgt hat, das brennende Pferdefuhrwerk mit den ’schreienden‘ Pferden, die vor der AOK aufgestappelten Leichen, die tagelang dauernde Zugfahrt aus der Nähe der Front, wo sie immer wieder aus dem Zug raus und in Deckung gehen mussten, weil der Zug angegriffen wurden. Sie berichtet auch von den jüdischen Freunden, die verschwunden waren, von den Nächten im Keller, von Hunger und von der Angst um ihre Lieben.

Bei meiner Oma waren es sogar 2 Weltkriege, bei meiner Uroma, kam ein dritter Krieg hinzu.

Dankbar bin ich, sehr sogar, aber ich fühle auch den Drang zu helfen, ein wenig von meinem Glück weiterzugeben 🍀💙💛

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