Der Plan, irgendwann auf Teneriffa, in Puerto de la Cruz leben zu wollen, ist im Grunde über Jahrzehnte gewachsen. Nicht immer bewusst, aber im Hinterstübchen doch präsent. Manch trüben Tag hat er erhellt und doch, je konkreter er wurde, umso mehr Angst vor der eigenen Courage bekam ich. Macht er mir auch auch heute noch, muss man doch viele Gewohnheiten und auch Menschen loslassen. Es ist soviel mehr als ein geografischer Wechsel, vielmehr ein persönlicher Wandel. Das beweist aber auch, es ist nie zu spät.

Aber ich gebe auch zu, ohne die einschneidenden Ereignisse der letzten zwei Jahre (Tod meiner Mutter, Mobbing in Dienst, Therapie, Auslandsaufenthalt meiner Tochter und Ruhestand) wäre es vermutlich beim Träumen geblieben.
Was hilft aller Sonnenaufgang, wenn wir nicht aufstehen?
Georg Christoph Lichtenberg
Neues Selbstbewusstsein

Doch ich machte den einen entscheidenden Schritt, den ersten und dann stand ich hier, nach außen taff und selbstbewusst, innerlich ein verängstigten kleines Ding, das nach Hause wollte.
Das Alleinsein in einem fremden Land – ich kannte vorher keinen Menschen – hat mich gezwungen, mich auf mich zu verlassen, meine eigene beste Freundin zu sein. Jede neue Herausforderung, sei es die Sprache oder der kulturelle Unterschied stärkt mein Selbstbewusstsein. Ich habe gelernt, mutiger und unabhängiger zu sein, weil ohne Vertrauen in mich hätte es niemals funktioniert.
Erweiterung meiner Perspektiven
Jede Interaktion mit Einheimischen oder anderen Auswanderern hat meine Sicht auf die Dinge verändert. Der Garten der Menschheit ist schon sehr bunt, manchmal laut oder auch ganz leise und hier findet man – eigentlich ähnlich wie in Berlin – eine große Vielfalt. Manchmal schräg, aber fast immer liebenswert. Gelernt habe ich, unterschiedliche Lebensweisen ganz real zu respektieren und wertzuschätzen. Hoffentlich hat es mich ein wenig toleranter und verständnisvoller gemacht.
Natürlich gibt es auch hier sehr, sehr konservative Kreise, sogar solche die dem rechten Spektrum nahe stehen. Erstaunlicherweise sind diese aber nicht in der Lage zu begreifen, dass hier sie die Ausländer sind. Mehr kann ich nicht mehr sagen, sobald mir derartige Menschen begegnen, nehme ich die Beine in die Hand und renne.
Wer ist die Frau im Spiegel?
Plötzlich fehlt das normale Umfeld und ich habe die Möglichkeit, mich selbst neu zu entdecken. Welch Chance! Ein paar alte Gewohnheiten habe ich abgelegt und bin mit Enttäuschungen im menschlichen Bereich fertig geworden, ohne mich triggern zu lassen. Mich auf meine Leidenschaften und Interessen zu konzentrieren war ebenfalls ein wichtiger Lernschritt. Erst wenn man in dieser Situation ist, merkt man wieviel mehr Kraft in einem steckt.
Wo ist eigentlich meine Nachteulen-Persönlichkeit geblieben? In Berlin war ich so gut wie nie vor Mitternacht im Bett, oft erst gegen eins. Hier falle ich oft schon um 22.00 Uhr todmüde ins Bett. Aber hier ist mein Highlight des Tages auch nicht die neuste Serie. Klar gab es in Berlin mehr Kunst und Kultur, aber wie oft gönnt man sich das dort? Eine Theaterkarte,, wo man einigermaßen gut sehen kann, kostet um die 60/70 Euro, einmal Essen gehen, mindestens 30 u.s.w..
Ab und an gibt es auch hier Opernvorstellungen im Auditorium in Santa Cruz mit kostenlosem Shuttle-Service. Die Karten kosten einheitlich 30 Euro. Für November habe ich schon eine Karte und werde berichten. Von der Besetzung her, ist es natürlich nicht die Staatsoper, aber erreicht durchaus das Niveau einer kleineren Großstadt.

Viele Museen sind kostenlos, aber ich werde sicher auch immer Zeit in Deutschland verbringen. Denn tatsächlich fehlt mir, der gerade so angesagte Widerwillen gegen meine Heimat. Ich bin auch gerne, aber dort war ich dabei im Fernsehsessel zu versacken. Das wollte ich nicht.
Ich genieße es sehr, hier Zeit mit meinen neuen Bekannten zu verbringen, aber ebenso mit meinen alten Freunden verbunden zu bleiben und meine Tochter wird sowieso immer auf Platz 1 stehen. Da machen mich – auch als Boomerin – die neuen Medien sehr glücklich. Da soll mal einer sagen, früher war alles besser. Da wäre anfangs noch alle paar Wochen ein Brief gekommen, einmal in der Woche hätte ich mein Kleingeld zusammengekratzt um aus der Telefonzelle anrufen zu können. Wäre ich dann hier? Vermutlich nicht.
Die Sprache öffnet Türen
Ganz langsam merke ich auch, wie die Sprache Türen öffnet, damit auch die Erkenntnis wie wichtig das Erlenen ist. Neulich war ich im Nagelstudio, die Inhaberin sprach kein Wort Deutsch oder Englisch, daher MUSSTE ich Spanisch sprechen. Es war holprig, zweimal musste der google-Übersetzer helfen, aber es hat geklappt, wir haben uns über 90 Minuten, verständigen, teilweise unterhalten können. Inzwischen gehe ich nicht nur einmal die Woche in eine Sprachschule, sondern nehme mit einer Bekannten zusammen, eine zweite, eine „Zweizel“-Stunde sozusagen, Aber die Dame ist wirklich: Muy, muy rapido. Am meisten verblüfft mich, dass ich hier immer meine Hausaufgaben erledige, etwas über das sich meine Lehrer früher sehr gefreut hätten, aber ein seltenes Vergnügen war 😁.
Vorläufiges Fazit
Meine Auswanderung nach Puerto de la Cruz hat mich schon jetzt, nach nur sechs Wochen verändert. Sie hat mir nicht nur neue Fähigkeiten und Einsichten gebracht, sondern auch mein Selbstbild und ein Stück weit meinen Lebensweg neu geformt. Es ist eine mentale Verjüngung, weil alte Strukturen aufgebrochen, andere Wege gegangen werden müssen. Dieser Weg, egal wohin er letztendlich führen wird, zeigt mir, dass es nie zu spät ist, sich selbst neu zu erfinden und dass das Leben voller unerwarteter Schönheiten und Möglichkeiten steckt.
Hast du dir auch schon mal Gedanken gemacht, wie dein weiterer Weg aussehen könnte?
Ausblick
Das nächste Mal erwartet dich wieder ein spannender Ausflug an einen sehr besonderen Ort.
📌 Fortsetzung folgt …