Gedankenreise am Mittwoch, Trauer, Trauer nach der Pflege

Eine Gedankenreise durch das Trauerjahr

Wie versprochen nehme ich euch mit durch die Trauer. Am Samstag jährte sich der Todestag meiner Mutter zum ersten Mal und damit geht das ‚Trauerjahr zu Ende‘. Früher der Zeitpunkt, zu dem die nächsten Angehörigen die schwarze Kleidung, beziehungsweise den Trauerflor ablegen ‚durften‘. Der, ab dem die Witwe/der Witwer wieder heiraten ‚durfte‘.  Die Regeln für den Umgang mit der Trauer waren strikt. Vermutlich hatte das das durchaus Vorteile, weil sich Trauernde in geschützten Bereich befanden und äußerlich klar als ‚in Trauer‘ erkennbar waren. Niemand tauchte unvermutet auf, um zu fragen: „Und wie geht es der Frau Mama?“

Mama und ich

Die Individualität der Trauer

Trotzdem bin ich froh, dass sich der Umgang mit dem Phänomen Trauer so verändert hat. Trauer ist nämlich eine äußerst individuelle Geschichte. Gemeinsamkeit ist der Verlauf in Wellenform (mein Beitrag zu den Phasen der Trauer). Nur fallen diese extrem unterschiedlich aus. Auch hier gilt, jeder Jeck ist anders.

Bei uns war es so, dass wir beide meine Mutter/ihre Mömi wohl gleichermaßen geliebt, doch komplett unterschiedlich getrauert haben. Meiner Tochter ist in der ersten Zeit fast das Herz gebrochen, sie hätte mit ihren Tränen die Wüste Gobi wässern können. Unseren Urlaub in Griechenland, eine Woche nach der Beisetzung fand sie schön, aber, so sagt sie, er ging auch irgendwie an ihr vorbei. Sie konnte in Erinnerungen schwelgen, sah alle Videos an und hatte Probleme Freude zu empfinden. Mit der Reise nach New York im Dezember ging es für sie langsam aufwärts und spätestens in Thailand gab es wieder Glücksmomente.

Resillient oder doch nur Verdrängen

Schon immer bin ich eine Verdrängerin vor dem Herrn, ich konnte die ersten Monate, nicht einmal bei der Beerdigung, nicht weinen. Den Tod habe ich einfach ignoriert, ich weiß noch, bei der Beisetzung stand ich auf dem Friedhof und dachte: ‚Was soll das alles, das hat nichts mit mir zu tun.‘ Zum Friedhof ging ich mit, fühlte aber nichts. Griechenland habe ich richtig genossen, die Reise fühlte sich an, wie ein Urlaub vom anstrengenden Pflegealltag. Das einzige, was merkwürdig war, ich konnte nicht mehr schlafen, beziehungsweise nur sehr wenig. Maximal 3-5 Stunden. Mitten in der Nacht wurde ich wach, das Gedankenkarusell drehte und drehte sich, Nacht für Nacht.

In eine Art Überaktivität fiel ich, machte tausend Sachen, putzte wie verrückt, räumte um und aus, traf mich mit Leuten, fing manchmal morgens um 10 Uhr an fernzusehen und schaltete nachts um Zwei ab. Nicht nur, dass ich kaum schlief, ohne Licht ging es gar nicht. Etwas, dass sich bis heute hält. Etwas Gutes hatte dieser Zustand, ich kümmerte mich (endlich) um meine Gesundheit, was dringend notwendig war.

Trauer kommt von Traurig

Ganz genau weiß ich nicht mehr, wann sich etwas veränderte, aber es begann mit einem Traum von meiner Mutter. Ich träumte von ihr als junge Frau und davon, dass sie tanzte und glücklich war. Als ich wie immer in der Nacht die Augen aufschlug, waren aber vor meinen inneren Augen die Bilder ihres Todes. Wie wir sie in den Armen hielten und ich sagte: „Mama, ich liebe dich, du darfst jetzt gehen!“ und wie meine Tochter mich ansah und die furchtbaren Worte aussprach: „Sie ist schon gegangen“.

Mit diesem Traum, ich glaube, im November, veränderte sich alles. Weinen konnte ich noch immer nicht, aber in mir wurde alles dumpf und leer. Ich ließ mich gehen, hatte an manchen Tagen keine Lust überhaupt aufzustehen, wollte unbedingt raus aus dieser Wohnung. Es klingt so blöd, aber ich hatte Angst vor dem Geist meiner Mutter. Ich dachte, sie ist mir böse, weil ich sie nicht gerettet habe, fand das wäre meine Pflicht gewesen. Natürlich struggelte ich im Büro, was für meinen Vorgesetzten nicht akzeptabel war, so dass zu der Trauer, dieses Gefühl kam, eine Versagerin auf ganzer Linie zu sein. Das verbarg ich, so gut ich konnte, lies niemanden in mein Herz oder meine Seele schauen, gab mich cool. Bestimmt haben viele mich für herzlos gehalten.

Die Reise nach New York trat ich nur an, weil sich meine Tochter so sehr freute. Ich trabte durch die Stadt und sehnte mich nach meinem Fernsehsessel. Es gab nur ein paar wenige wache Momente. Vielleicht fing mit ihnen meine Heilreise an?

An Weihnachten kann ich mich kaum erinnern, eine Freundin war bei uns zu Besuch und wir schauten Harry Potter. Vor meinen inneren Augen spielte der Film: ‘Weihnachten mit Mama‘. Die Traurigkeit war zu diesem Zeitpunkt wie ein riesiges schwarzes Loch, das mich zu verschlingen drohte.

Trauer + Traurigkeit = Depression?

Der Höhepunkt der Trauer erwischte mich im Januar. Der Ärger im Büro war nicht mehr auszuhalten. Jeden Tag hatte ich Angst dorthin zu gehen, denn jeder – egal wie kleine Fehler – wurde zur Katastrophe stilisiert. Mir fehlte jede Kraft, mich zu wehren. Das Glück im Unglück war meine wunderbare Hausärztin, die mich verstand und mir klarmachte unter einer Depression zu leiden.

Dann kam das schlimmste Wochenende, meine Tochter war verreist und ich fühlte mich unendlich allein. Das erste Mal in meinem Leben war das Gefühl real: Ich kann nicht mehr weiter. Glücklicherweise gab ich dem nicht nach, ging zu unserer Betriebspsychologin und fand auch Unterstützung bei Freunden. Sprach nach dem Wochenende lange mit meiner Tochter und suchte mir Hilfe.

Licht am Ende des Tunnels

Langsam, ganz langsam ging es bergauf, da gab es immer noch große Traurigkeit, aber diese weniger verzweifelt. Mir wurde klar, Vermissen ist nun Bestandteil meines Lebens und wird es bleiben. Trotzdem kann ich wieder nach vorne schauen, Pläne machen. Nur was aus dem Büro-Problem wird, weiß ich noch nicht.

Foto der Grabstelle

Freitag kommt meine Tochter, die gerade für ein Jahr im Ausland lebt. Unserer sehr besondere Mömi, haben wir eine ebensolche Grabplatte machen lassen. Wir werden sie ihr mit einem wunderschönen Blumenstrauß bringen und vielleicht zeigt sich einmal mehr der kleine weiße Schmetterling.

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