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Trauer braucht Zeit

Nun hat es doch ein wenig länger gedauert bis ich mich wieder melde. Bei meinem letzten Post war meine Mutter gerade gestorben und ich habe das, was da – besonders emotional – auf mich/uns zukommen würde, unterschätzt. Das klingt komisch, aber auch Verdrängung gehört zur Trauer. In den ersten Tagen war da etwas, was Erleichterung nahe kam. Meine Tochter und ich haben meine Mutter lange gepflegt und das Leben als pflegende Angehörige ist in psychischer und physischer Hinsicht fordernd, oft überfordernd bis zur Erschöpfung.

Seit Anfang Juni hatte ich immer nur mal eine Nacht durchschlafen können, wenn meine Tochter einspringen konnte. In den meisten Nächten bin ich 3-6x aufgestanden, von nächtlicher Erholung konnte man nicht sprechen. Tagsüber drehte sich mein ganzes Leben um die Pflege, wenn mich jemand fragte, wie es mir geht, habe ich vom Befinden meiner Mutter erzählt. Irgendwie war ich kaum noch vorhanden. Dabei quälte mich der Gedanke: ‚Es ist nicht genug, was du tust‘.

Wunder sind selten

Als wir dann erfuhren, unsere gemeinsame Reise wird sehr bald beendet sein, begann das Hoffen auf ein Wunder, aber irgendwie auch schon die Trauer. Immer wieder mit dem Gedanken: ‚Ist es so richtig?‘ Wir hatten Eka versprochen, sie muss in kein Krankenhaus mehr und sie hatte vor Jahren festgelegt, keine Dialyse und keine Reanimation zu wollen. Es ist unglaublich schwer zu akzeptieren, dass die Hände gebunden sind, man nur noch versuchen kann, den Wunsch zu respektieren und es dem geliebten sterbenden Menschen so angenehm wie möglich zu machen. Ich war manchmal richtiggehend wütend auf meine Mutter, weil sie mich verlassen wollte.

Sterben ist genauso normal wie geboren werden

Die Phase des Sterbens dauerte nicht viel mehr als drei Wochen, aber das waren die härtesten Wochen meines Lebens und ich hatte auch schon vorher verdammt harte Zeiten. Mehr werde ich das nicht ausführen, auch wenn meine Mutter nicht mehr lebt, hat doch auch sie ein Recht auf Privatsphäre. Furchtbar war es für mich, dass uns ein Palliativteam verweigert wurde.

Wenn dann der Tod (zuhause) kommt ist das eine so existenzielle Erfahrung, so erschütternd, traumatisierend. Nein, das stimmt so sicher nicht, vermutlich istdas Sterben genauso individuell wie das Gebähren. Richtig ist, so habe ich es erlebt. Ja, ich höre auch immer von der der erhabenen Erfahrung, der Bereicherung, des Friedens und einer ganz eigenen Schönheit. Ob es das wirklich gibt, weiß ich nicht, persönlich habe ich es als das Schlimmste überhaupt erlebt. In der einen Sekunde hälst du noch einen warmen, atmenden, empfindenden Menschen im Arm, eine später … nichts mehr. Am nächsten Tag habe ich zu meiner Tochter gesagt: „Wenn es bei mir soweit ist, will ich in ein Hospiz und ihr dürft mich bitte, bitte sedieren. Bei meinem Vater habe ich es ganz anders erlebt, er hatte einen so schweren Schlaganfall, dass es kein Bewusstsein mehr gab. Er durfte dann friedlich hinüberschlafen. Ist das Leben gerecht? Nein, das ist es nicht!

Wechselbad der Gefühle

Vielleicht erklärt das die anschließende ‚Erleichterung‘, am liebsten hätte ich in den ersten Tagen, alles verträumt, was mich erinnerte. Ich verdrängte was das Zeug hält, irrte mit meiner Tochter durch Berlin, habe es zuhause nicht ausgehalten. Wo wir waren ist nur noch sehr verschwommen in Erinnerung. War ich doch mal in der Wohnung, habe ich geputzt, gestrichen und ausgemistet. Wie getrieben war ich.

Nach einiger Zeit änderte sich das, ich stellte überall Fotos auf, konnte nichts mehr wegschmeißen, stand oft vor Mamas Schrank und suchte ihren Duft. Ich redete mit ihren Fotos, tauchte in Erinnerungen und wollte einfach meine Mama wiederhaben.

Sie war 88, ein tolles Alter, aber deshalb vermisst man nicht weniger, was mich ein wenig tröstete, war der Gedanke, dass sie nun ihren ihr nicht mehr gehorchenden Körper los war. Sie sah, nachdem der Arzt der KVV, der den Tod festgestellt hatte und sie, wie er sagte, noch hübsch gemacht hatte, so schön und so jung aus. Dieses Bild möchte ich mir bewahren.

Licht im Schatten

Überhaupt hatten wir in all dem Unglück auch Glück. Am Wichtigsten war unsere Verbundenheit, wie (meine Tochter und ich) waren uns in allem einig, stützen und halfen einander immer wieder aufzustehen. Da meine Mutter gläubige Christin und auch in der Kirche war, haben wir noch den Pfarrer angerufen, er kam auch noch rechtzeitig und wir haben in ihm tatsächlich einen großen Trostspender, erst für meine Mutter, aber dann auch für uns, gefunden. Dann der großartige Arzt der KVV, der so menschlich und empathisch war und auch der Bestatter, ein Berliner Original mit viel Schnauze, aber ebenso viel Herz und auch der Friedhofmitarbeiter, der mit uns das richtige Plätzchen suchte, war wirklich lieb und ein kleiner Schmetterling wies uns den Weg.

Loslassen

Mich hat, ich gebe es zu der Gedanke an die Kremierung (Verbrennung) fast irre gemacht, es durfte doch keiner meine stolze und schöne Mama verbrennen und in so einen kleinen Topf (Urne) stopfen. Dabei war es ihr Wunsch gewesen. Blöd, ich weiß? Besser wurde es und ging es mir nach der Beisetzung, die ganz ruhig und sehr liebevoll mit ihren Lieblingsblumen und -liedern war.

Allerdings weiß ich nicht, woher dieser Organist kam, das was Musik genannt wurde grenzte an Körperverletzung und ich bin nicht musikalisch. So kann es durchaus auch von Vorteil sein, bei bestimmten Gelegenheiten tot zu sein (verzeih Mama, aber du kennst ja meinen manchmal rabenschwarzen Humor).

Ab da realisierte ich den Verlust langsam, die große Erschöpfung wurde besser, die Trauer bewusster und sie mischt sich immer mehr mit den Millionen schöner Erinnerungen.

Irgendwann werde ich bereit sein, dass Zimmer und den Schrank zu räumen und voller Dankbarkeit auf die vielen gemeinsamen Jahre zurücksehen.

Darum lebt, liebt, lacht, das Leben wartet nicht!

Ela

P.S.

Ich bin bereit, möchte und werde mit diesem Blog weitermachen Am Sonntag setze ich den Sylt-Reisebericht fort. Er (der Blog oder das?) hat es auch nicht leicht und muss sich ständig neu erfinden. Aber nun wird es erstmal weitergehen mit den Reiseberichten über die Reisen mit Rollstuhl. Sicher bin ich mir auch schon über eine neue Kategorie: ‚Low-Budget-Reisen für Erwachsene‘. Warum erklärt sich von selbst, wir alle müssen den Gürtel enger schnallen. Was sonst noch kommt, wird sich zeigen.

2 Gedanken zu „Trauer braucht Zeit“

    1. Danke! Der Tod gehört nun mal dazu und wenn man Infos sucht, findet man fast nichts. Wenn überhaupt, alles das,was gerdezu vor Zucker trieft. So ging es mir und das hat es nochmal schlimmer gemacht. Ich möchte einfach, dass jeder seine Entscheidung treffen kann, in dem Wissen, es kann so oder so sein.
      Lieben Gruß
      Ela

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