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Leben mit Demenz

Kennengelernt habt ihr sie, meine Mama ja schon. Sie wurde 88 Jahre jung und hat uns leider im August verlassen. Körperlich war sie ganz schön angeschlagen und das Kurzzeitgedächtnis funktionierte leider auch nicht mehr gut. Wie lebt es sich damit? Wie lebt man als Angehörige:r damit?

Leben mit Demenz

Dass wichtigste zuerst: Jede Demenz ist anders! Die meiner Mutter beruhte auf der Stenose einer Arterie, die zum Hirn führt. Genau darum, wusste man nie, wie gut ihr Gehirn gerade funktionierte. Abhängig war das in erster Linie vom Blutdruck, bei ihr musste er hoch (zwischen 150 und 190, war die Zielvorgabe der Charité) sein. Dann ging es ihr kopfmäßig am besten. Das war aber eine ganz individuelle Diagnose und galt ausschließlich für meine Mutter!!!

Was bedeutet Demenz? Fragen der Demenz
Foto von

Der Begriff „Demenz“ (lat. Dementia) bedeutet sinngemäß „ohne Geist“. Definiert sind Demenzerkrankungen durch einen Abbau geistiger Funktionen, die dazu führen, dass Alltagskompetenzen mit der Zeit verloren gehen. Das Hauptmerkmal einer Demenz ist eine Verschlechterung der geistigen Fähigkeiten. Zusätzlich treten auch Orientierungs- und Sprachprobleme auf, die auch von einer Änderung des Verhaltens und der Persönlichkeit begleitet werden können.

(Quelle:
http://www.demenz.behandeln.de)

Dement, aber nicht dumm

Wohl einer der am meisten verbreiteten Irrtümer ist es, dass Menschen, die an einer der vielen Formen der Demenz leiden, damit automatisch geistig beschränkt sind. Das stimmt so nicht.

Man unterscheidet drei Stadien der Demenz:

  • Das Frühstadium
  • Das mittlere Stadium
  • Das Spätstadium

Im Frühstadium kommen Menschen mit ein wenig Hilfe noch mit ihrem Alltag mehr oder minder gut allein zurecht. Typisch sind ein Gedächtnisverlust und die abnehmende Kompetenz den eigenen Alltag und komplexere Aufgaben zu bewältigen sind die Hauptmerkmale.

Demenz - den Gedanken verlieren
Gordon Johnson auf Pixabay

Persönlichkeitsveränderung

Bei meiner Mutter kann ich das recht genau terminieren, weil sie 14 Tage nach einem Herzkatheder einen sogenannten ischämischen Schlaganfall erlitt. In ihrem Fall einen sehr kurzen, der zunächst noch ohne weiterreichende Folgen blieb, wenig später gesellte sich ein starker, lebensbedrohlicher Kaliummangel dazu.

Ich erinnere mich an eine Begebenheit, als meine Mutter geistig noch völlig auf der Höhe war, aber wegen ihres schlechten körperlichen Zustandes in eine geriatrische Frühreha musste, sehr zu ihrem Verdruß. Dort gab es einen männlichen Patienten, der hochgradig dement und sexuell übergriffig war. Meine Mutter erzählte eines Morgens am Telefon, dass in der letzten Nacht dieser alte Mann nicht nur nackt über die Station gelaufen sei, nein er habe auch versucht zu ihr ins Bett zu klettern. Meine Mutter mag körperlich geschwächt gewesen sein, aber wehren konnte sie sich, sie hat ihn buchstäblich von der Bettkante gestoßen. Trotzdem war es für sie, ihre Mitpatientinnen und vor allem für den alten Mann ein schlimmes Erlebnis. Aber auch eine gesteigerte Libido kann ein Symptom sein.

So fing es an

Bei meiner Mutter kann ich das recht genau terminieren, weil sie 14 Tage nach einem Herzkatheder einen sogenannten ischämischen Schlaganfall , in ihrem Fall ein sehr kurzer, der zunächst noch ohne weiterreichende Folgen blieb, wenig später gesellte sich sehr bald ein starker, lebensbedrohlicher Kaliummangel dazu.

Delir eine häufige Komplikation, nicht nur nach Operationen

In dessen Folge musste meine Mutter auf die Intensivstation und wie so viele – besonders – alte Menschen rutschte sie in ein schweres Delir, in ihrem Fall in der hyperaktiven Form. Das war für alle Beteiligten eine harte , aber ab und an auch eine sehr lustige Zeit, weil meine Mutter wirklich komische Sachen angestellt hat. Davon erzähle ich ein anderes Mal. Zum Glück bekamen die Ärzte das damals in den Griff und zuhause hat es denn noch Monate gedauert, bis sie wieder sie war, aber bis heute bin ich ein bisschen stolz, dass wir das geschafft haben. Die Prognose für Patienten mit Delir ist nicht gut

Eine starke Persönlichkeit

Später kam es dann immer mal wieder zu diesen „kleinen“ Schlaganfällen, wo die Sprache nur ganz kurz verschwommen, der Mund schief war und sie nichts sah. Es war nie mehr als fünf Minuten und doch hinterließ jeder Spuren. Nicht alle waren negativ, meine Mutter war immer eine sehr starke Persönlichkeit, die es ihrem Umfeld nicht immer ganz leicht machte. Was konnte meine Mutter streiten oder auch viel zu laut lästern. Zu der Zeit, als meine Tochter noch Leistungssport machte, gab es, glaube ich, nicht einen Preisrichter, der sie nicht hasste. Vermutlich, weil sie oft im Kern ihrer Aussagen richtig lag. Damals war mir ihr Verhalten oft extrem peinlich, weil sie grundsätzlich im ‚Bühnenflüsterton‘ sprach. Sie war eine wirkliche Löwenmutter- und Oma

Selbst Demenz kann positive Aspekte haben

Mit der Demenz begann in Fall meiner Mutter eine Persönlichkeitsveränderung von der schwierigen Frau zum liebsten Menschen der Welt. Sie wurde ganz zärtlich, liebevoll und viel zufriedener. Trotz Schmerzen und Behinderungen wirkte Eka in diesen letzten Jahren glücklich. Ihr größtes Glück war ihre Enkelin, auch mir gegenüber war sie sehr zugewandt und – daran änderte sich nie etwas – sie reiste weiterhin leidenschaftlich (siehe meine Reiseberichte mit Rolli).

VVon meiner Warte als pflegende Angehörige und natürlich in erster Linie als Tochter fand ich das Leben mit meiner Mutter immer sehr bereichernd, ich habe unendlich viel von ihr lernen dürfen. Als ich noch klein war, haben mich alle Mädchen um meine Mama beneidet, weil – so sagten sie – Eka aussah wie eine lebendige Barbiepuppe. Sie war klug, groß, schön und hatte das, was man Strahkraft nennt. Ich weiß noch, als Teenie war ich oft neidisch, weder war ich besonders groß, endlos sind und waren meine Beine nie, blond war ich höchstens mal gefärbt und eine 58iger-Tailie … Nope! Zum Glück wird man ja erwachsener, gewöhnt sich an sich und so wandelte sich Neid, sehr schnell in großen Stolz so eine besondere Mutter zu haben. Stolz bin ich bis heute, war sie doch auch eine tapfere Kriegerin, die niemals aufgab und bis zum letzten Atemzug kämpfte❤️.

Der Körper kann nicht mehr

Im März 2021 ging es ihr dann auf einmal sehr, sehr schlecht, ihr ganzer Körper schwoll auf fast absurde Weise an, z.B. die Augen so sehr, dass sie nicht mehr sehen konnte, Greifen war mit den dicken Fingern unmöglich und die Beine waren doppelt so stark. Da bekam ich Angst, die Hausärztin wies sie sofort ins Krankenhaus ein. Es war gerade die Corona-Hochphase und Besuch war nicht erlaubt. Mit ihrem Handy kam sie nicht mehr allein zurecht, aber manchmal half eine nette Pflegekraft. Es ging ihr schlecht. Einmal durfte meine Tochter dann doch zu ihr und sie war sehr erschrocken. Am 6. April kam dann der Anruf: „Ihre Mutter hat nur noch Tage, bestenfalls Wochen“. Für uns brach eine Welt zusammen und wir waren komplett verzweifelt. Wir mussten entscheiden, ob sie auf die Palliativ-Station sollte oder zu uns nach Hause. Wir haben nicht eine Sekunde gezögert … auch wenn das sehr unvernünftig war.

Unsere Zugabe begann

Am 8. April 2021, ihrem 87. Geburtstag kam meine Mutter dann mit einem Krankentransport nach Hause und wir waren beide überrascht, wie gut sie aussah, richtig hübsch. Alles war wieder auf Normalmaße geschrumpft. Instinktiv begriffen wir beide, das ist nicht das Ende. Natürlich nicht nur das, denn meine Tochter ist ja vom Fach und sowohl unser Hausarzt, als auch ein befreundeter Arzt, sahen es genauso.

Im Krankenhaus hatte sie aufgehört zu essen und trank auch fast nichts mehr. Wie sich schnell herausstellte, war der Grund aber nicht, dass sie sterben wollte, nein das Essen schmeckte einfach nicht. Zum Geburtstag hatte ich ihre Leibspeise gemacht: Rostbratwurst mit Sauerkraut und Kartoffelbrei. Alles verschwand Ratz Fatz, voller Genuß. Mit diesem Tag begann eine wunderschöne gemeinsame Zeit, für die ich unendlich dankbar bin. Aber dieses Jahr ist einen eigenen Beitrag wert.

Fortsetzung „Unser Jahr Zugabe“ folgt

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